Das Leben ist eine Baustelle...
..so hieß einmal ein Film vor einigen Jahren, an den ich zugegeben nicht mehr viel Erinnerung habe. Aber Menschen drücken mit solchen Sätzen ein Lebensgefühl aus, wenn sich gerade viel verändert, so sie aktiv vieles verändern. Gerade zum Jahreswechsel sah man viel Werbeprospekte zum Tapetenwechsel – vermutlich weil viele Menschen gerade in dieser Zeit über einen neuen Anstrich, neuen Teppich oder eine neue Lampe nachdenken. Und wie es die Zeit so will: auch in unserer Kirchengemeinde ist das Leben gerade eine Baustelle.
Das Pfarrbüro bereitet sich auf einen Wechsel vor (siehe Vorstellung in dieser Ausgabe). Gleichzeitig wird das alte Büro erneuert: neue Lampen, neuer Schreibtisch, raus mit der alten (noch dampfgetriebenen?) Telefonanlage. Sodann warten wir auf den Baubeginn des Kirchenfoyers. Ob es im März endlich losgeht? Naja... das Leben ist eine Baustelle... Wer das weiß, kann mit Veränderungen gelassen umgehen. Bekanntlich muss der erste Stein vor den zweiten... Und dann die Wahl des neuen Kirchenvorstands. Nachdem Martin Luther einmal vom Priestertum aller Gläubigen gesprochen hatte, war Baustelle auch in der Kirche Programm – denn die Menschen, die sie gestalten und in ihr leben, sind unterschiedlich. So suchen wir immer wieder nach Formen, die den Menschen gut tun und das bedeutet: wir bauen an Kirche – bauen an Gemeinde. Genau genommen war dieses Suchen in der Zeit des aktuellen Kirchenvorstandes kontinuierlich so. Und es wurde immer wieder gebaut und gestaltet. Das große Gartenhaus im Gemeindegarten und das Klohäuschen auf dem Friedhof sind da nur Kleinigkeiten (aber mit viel ehrenamtlicher Arbeit erstellt!). Das Gemeindehaus wurde innen neu gestrichen – eine Homepage der Kirchengemeinde wurde erstellt (www.kirchenfenster-wathlingen.de). Neben Büro und Foyer hat der evangelische Kindergarten in dieser Zeit eine Integrationsgruppe für Kinder mit Behinderung eingerichtet, und baut gerade einen Krippenan-bau für die Kleinsten. Und auch, wenn man in unseren Ort schaut, wird gebaut. Vier Generationen sind das Stichwort. Es wird gebaut, und ich bin froh darüber, dass Menschen bei uns am Ort Lust auf das Gestalten haben und dass wir noch Dinge planen und errichten können!
Gleichzeitig zeigen aber auch alle Veränderungen: oft ist es nicht das Neue, das kommt, was es uns schwer macht. Häufig tun wir uns schwer, wenn Altes, durch das Neue weniger wird. Auch in der Kirche ist das oft so. Wenige Menschen haben etwas dagegen, wenn neue Lieder gesungen werden. Es stört sie nur, dass dann die alten Lieder weniger werden. Aber Veränderung hat eben immer etwas mit Teilen zu tun. Wir teilen unsere Vorstellungen – wir teilen unsere Ideen und auch das, was uns lieb ist. Wir suchen Formen des Zusammenlebens, die neu passen. Und die anstrengenden Seiten des ganzen buchen wir dabei selbstredend mit:
Baustellen nerven leider auch meistens – vor allem, wenn man im Stau steckt, und die nächste Durchsage kommt, wie lange es noch dauert. Hinzu kommt die Sorge derer, die am Alten hängen. Was wird sein, wenn ich die alten Kleider weggebe – wenn ich eine neue Stelle antrete – wenn ich ein Risiko eingehe und etwas Neues wage?
Ich vermute, dass diese Sorgen vor allem auch mit den riesigen Veränderungen in unserer Welt zu tun haben. Die Schlagzahl der Neuerungen ist inzwischen unglaublich hoch. Denken Sie nur daran, was für Handys wir vor fünf Jahren hatten. Denken Sie nur daran, wieviele Zeitschriften man vor 20 Jahren kaufen konnte, und wieviel jetzt. Inzwischen spielen sich vielfältig Beziehungen im Internet ab und die Anzahl der Benutzer des größten sozialen Netzwerkes hat die Einwohnerzahl von Europa und den USA zusammen überschritten. (Man unterscheidet zwischen Menschen, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind (digital natives / Ureinwohner) und solchen, die sich das alles erst erarbeiten müssen (digital immigrants).Manche Veränderung ist auch schon durch die Kirche geweht, und als ich kürzlich einem Vater das neue Konfirmandenmodell mit dem Filmprojekt „Holk“ erklärte, fragte er mich: „Aber das Vaterunser erklären sie doch auch noch, oder?“ Natürlich!
Die Bibel sagt: „Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Felde. Wenn der Wind weht, ist sie nicht mehr da. Die Gnade des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Ps.103). Das ist wichtig zu wissen. Diese Welt geht über uns hinaus, auch da, wo wir sie mitgestalten. Worauf sollten wir warten? Nun, Tun und Warten ist nach meiner Ansicht keine Alternative. Vielmehr sollten wir Handeln und Warten täglich miteinander verbinden. In Bewegung bleiben und gleichzeitig den Betrieb auch immer wieder unterbrechen - Ruhe einbauen und unserer Seele Zeit gönnen, Gottes Gute Nachricht und seine Richtung wahrzunehmen. Das geschieht nicht automatisch. Es hat immer mit Anhalten zu tun. Insofern war es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn der Foyerbau nun länger gebraucht hat. Jesus hat einmal gesagt: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platz-regen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“ Auf seine Worte hören und dann handeln. Erst wenn wir beides tun, kommt die Freude des Bauens richtig zur Geltung. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes Bauen am Leben in diesem Jahr und Gottes Segen. Gleichzeitig bitte ich Sie:
Bauen sie mit, gestalten Sie mit! Unsere Kirchengemeinde ist offen für neue Ideen. Und bitte: gehen Sie am 18. März zur Wahl, wenn 12 Leute antreten, um für sechs Jahre Verantwortung in unserer Kirchengemeinde zu übernehmen. Das Leben ist eine Baustelle, und Menschen wollen mitbauen. Geben wir Ihnen den Auftrag dazu, und ich bin sicher: Gott baut auch mit.
(Aus der Besinnung im Gemeindebrief "Kirchenfenster" - Ausgabe 2012-3)
Zuhören
(aus der Besinnung
im Advent 2011)
Liebe Gemeinde,
wir sind mitten im Advent und Weihnachten steht vor der Tür. Wie jedes Jahr völlig überraschend – wie jedes Jahr höre ich das Stöhnen der Menschen, deren Terminkalender und To-do-Listen schon wieder prall gefüllt sind. Darüber möchte ich heute nicht schreiben. Ich möch-te vielmehr ein paar Worte suchen über etwas, was in der nachdenk-lichen Übergangszeit rund um Buß-und Bettag und Ewigkeitssonntag – hin zum Advent, oft viel zu kurz kommt: das Zuhören.
„Je treulicher du nach innen lauscht, umso besser wirst du hören, was um dich ertönt. Nur wer hört, kann sprechen.“ (Dag Hammarskjöld)
Warum gerade dieses Thema? Weil die Zeit, die gerade hinter uns liegt und die Zeit direkt vor uns, die wichtigsten Lebensthemen berührt, die es überhaupt gibt. Gelingen und Versagen, Geschenk des Lebens und Endlichkeit des Lebens, Gemeinschaft und Liebe. Wir sehnen uns nach dem Licht der Kerzen, nach Ruhe und danach, einmal ganz bei uns zu sein. Dahinter steht oft genug der Wunsch, dass uns zugehört wird; dass die innere Stimme wieder gehört und nicht im Stress des Alltags „plattgemacht“ wird. Dass ich vor lauter Einkaufsstress und Weihnachtsmusikgedudel noch eine Musik höre, die mein Herz auf-atmen lässt.
Zuhören: wie altmodisch doch meine Wünsche sind. Ich möchte Zeit haben, mir selbst und anderen mal wieder richtig zuzuhören. Dabei wird der der Schein und die Verpackung immer größer, durch die hin-durch wir zuhören müssen. Ich meine damit nicht nur den Weihnachtsrummel („Ich muss noch schnell was erledigen- wir sprechen da später drüber, o.k.?“). Ich meine damit die Gewohnheit, alles in der Welt einzupacken. So wie jedes Produkt, unabhängig von dem, was drin ist, durch Werbestrategen eine Optik, eine Philosophie, einen Duft bekommt, erschaffen durch Experten des Designs. So ähnlich lernen wir Menschen es durch die zugegeben genialen Möglichkeiten des Internet ja auch zu tun.
Wir begegnen einander ganz neu und faszinierend - man kann mit etwas Geschick seinen Gegenüber beim Telefonieren sehen. Man kann sich Bilder und Filme zuschicken und die Verständigung ausbauen. Mann ist aber aber auch wie in der Werbung dabei, immer mehr Bilder von sich selbst zu erschaffen. In der Computersprache würde man sagen: ich bekomme im Internet ein neues Profil, lege mir eine Demo-version von mir an, zu der ich die passenden Bilder und Informationen aussuche. Diesem Menschen, den ich da erstelle, wird es aber immer schwerer zuzuhören. Ich verschwinde nämlich hinter einem Bild, das ich selbst von mir entwerfe. Stattdessen vermissen immer mehr Menschen, dass ihnen wirklich jemand zuhört. Wie lebensverändernd das sein kann, versuchen zum Beispiel folgende Zeilen von Wilhelm Willms zu beschreiben:
Die Nähe eines Menschen
Wußten sie schon daß die nähe eines menschen gesund machen
krank machen
tot und lebendig machen kann
wußten sie schon daß die nähe eines menschen gut machen böse
machen
traurig und froh machen kann
wußten sie schon daß das wegbleiben eines menschen sterben
lassen kann
daß das kommen eines menschen wieder leben läßt
wußten sie schon daß die stimme eines menschen einen anderen
menschen
wieder aufhorchen läßt der für alles taub war
wußten sie schon daß das wort oder das tun eines menschen
wieder sehend
machen kann einen der für alles blind war der nichts mehr sah der
keinen sinn mehr sah in dieser welt und in seinem leben
wußten sie schon daß das zeithaben für einen menschen
mehr ist als geld mehr als medikamente unter umständen
mehr als eine geniale operation
wußten sie schon daß das anhören eines menschen wunder wirkt
daß das wohlwollen zinsen trägt daß ein vorschuß an vertrauen
hundertfach zurückkommt
wußten sie schon daß tun mehr ist als reden wußten sie das alles
schon
wußten sie auch schon daß der weg vom wissen über das reden
zum tun interplanetarisch weit ist.
Wussten Sie schon....: wenn wir Weihnachten feiern, dann ist das das Fest, in dem die Nähe eines Menschen (Jesus) uns Gott nahebringt, weil dieser Gott in all dieser Menschlichkeit bei uns dabei sein will – Mensch werden und in unserer Haut stecken will – unverpackt – ungeschönt – mit all seiner Liebe. Er will uns durch sein Zuhören zum Zuhören bringen. Deshalb ist es solch ein Schatz, in diesen Tagen Zeit zu haben, still zu werden, die Zeit anzuhalten, in sich selbst zu hören, langsam zu werden. Gott hört uns, aber hören wir auch ihn? Also Tempo 'rausnehmen – Termine absagen – und sich selbst und ihm wieder zuhören. Er kommt als Mensch – als Kind - und hat uns was zu sagen. Also: nehmen wir uns die Zeit.
Herzliche Grüße,
Ihr Stefan Thäsler
Leben ohne Pfingsten – manchmal merken wir gar nicht, was uns da fehlt...
(aus der Besinnung im Kirchenfenster -
Juni 2011 - Pastor Stefan Thäsler)
Biegen sie rechts ab, gleich bei Sorgenstadt, fahren bis nach Stressenkamp, über die Ausgebrannt-Brücke kommen sie bis nach Erschöpftenhagen, dann folgt Ackerdorff. Die Einwohner von Ackerdorff sind ein eigentümliches Völkchen. Wer sie besucht, fragt sich manchmal, ob er wirklich sieht, was er sieht. Da sind Menschen unterwegs wie Packesel. Mit langen Gesichtern und ständig gesenktem Blick trotten sie manchmal gar teilnahmslos durch ihren Ort. Fragt man einen Passanten auf der Straße, warum die Menschen in Ackerdorff alle so müde aussehen, bekommt man nicht selten die Antwort: „Sie wären genauso müde, wenn sie ihr Auto ständig schieben würden.“ Und genau das tun die Menschen in Ackerdorff. Wir trauen unseren Augen nicht. Mit all ihrer Kraft schieben sie ihre Autos die Straßen rauf und runter, die Füße mit aller Kraft auf den Asphalt gepresst. Und dabei lassen sie auch noch die Motoren laufen. Eine Frau, gefragt, was sie da mit ihrem Auto tut, sagt uns fast stolz: „Ich drehe morgens den Zündschlüssel, lasse meinen Wagen an, und dann schiebe ich mein Auto im Leerlauf ganz allein zum Büro.“ Wir fragen einen Mann, der sein Auto vom Parkplatz eines Baumarktes schiebt. Er erklärt uns: “Das Gaspedal drücke ich nur beim Anlassen. Dann aber nehme ich mein Leben selbst in die Hand. Es ist ein gutes Gefühl, alles allein zu schaffen. Ich bin stark genug, mein Leben allein zu bewältigen.“ Auch ein paar junge Männer, die gerade einen LKW mit Anhänger zu einem Supermarkt geschoben haben, um Waren abzuladen, wirken bei unseren Fragen irritiert und sagen uns:“ Wieso? Das macht doch jeder so – unsere Kollegen – unser Chef – alle eben. So ist doch das Leben.“
Uns aber, liebe Gemeinde, kommt das Ganze schon sehr merkwürdig vor. Was sind das für Leute in Ackerdorff? „Wer sein Auto liebt, der schiebt...“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Wer sind diese Leute. Sind wir es vielleicht manchmal auch selbst? Müde, hechelnd durch das Leben gehen, Leerlauf und Ackern? Der Autor Max Lucado, bei dem ich von Ackerdorff zum ersten mal las, hat die Bewohner dieses Dorfes ausgiebig besucht. Was er beschreibt, erinnert dabei nicht nur an manche Menschen, die mir begegnen. Es ist auch genau das, was der Apostel Paulus mal an die Christen in Galatien geschrieben hat. Da heißt es sinngemäß: „Versteht ihr es denn wirklich nicht? Ihr hattet doch einmal begonnen, ein Leben mit Gottes Heiligem Geist zu führen. Warum wollt ihr jetzt aus eigener Kraft versuchen, es aus eigener Kraft ohne ihn zu vollenden?“ (Galater 3,3) Da fragt man sich in heutiger Sicht: Ist Gott dann nur noch wie ein Starthilfekabel – eine Kraft, um mal für einen kleinen Moment den Lebensmotor wieder anzulassen, und das war's dann? Ähnliches schreibt Paulus auch an die Menschen in Korinth: „Ihr benehmt euch wie Menschen, die gar nicht zu Gott gehören.“ (1.Kor.3,3)
Das kann eigentlich nicht sein, oder? Jedenfalls möchte ich in meinem Leben nicht nur ackern, sondern Lebensfreude verspüren – ich möchte Gottes Kraft, die gerade im Frühling so wunderbar auch in der Natur zu sehen ist, auch für mein Leben als Aufbruch und Antrieb erleben. Gleichzeitig erschreckt mich die Beschreibung von Ackerdorff. Und Sorgenstadt und Erschöpftenhagen kenne ich auch zu gut. Manchmal ist es nur der Stolz, der einen hindert, es anzuerkennen. Oder es fehlt die Alternative – die Idee, wie es anders gehen könnte. Doch das Wunder von Pfingsten erzählt von einem Gott, der dem Leben neuen Auftrieb gibt. Dass dort Menschen unterschiedlichster Herkunft und Sprachen einander verstehen, weil Gottes Geist sie ergreift... dass sie gemeinsam so Großes auf die Beine stellen und man später vom Geburtstag der Kirche gesprochen hat... dass sie das ganz alltägliche Leben Gott anvertrauen und erleben: er nimmt mir Lasten ab, schenkt mir seine Gnade, bringt mich voran, er gibt mir neue Kraft... Vielleicht beginnt es mit einem einfachen Satz - immer wieder neu gesprochen: „Gott, ich möchte mit dir durchs Leben unterwegs sein.“ Mal sehen, ob wir dann immer noch so viel schieben. Meine Erfahrung ist: mit seinem Antrieb geht es leichter. Ein gesegnetes Pfingstfest wünscht Ihnen
Stefan Thäsler
Die ersten warmen Tage
(aus der Besinnung im Kirchenfenster -
März 2011 - Pastor Stefan Thäsler)
Liebe Gemeindeglieder,
als ich diese Zeilen schreibe ist es Anfang Februar. Draußen ist es bitter kalt. Grau in grau sind die Töne und irgendwie habe ich genug von reichlich Heizungsluft – Handschuhen – rauhen Händen und Regenschirmen. Im Radio haben sie heute gesagt: „Der Winter ist zurück“. „Na prima...“, denke ich. Das hat mir gerade noch gefehlt. Da geht mir ein Lied durch den Kopf:
„Hier kommen die ersten warmen Tage. Es riecht nach frisch
gemähtem Gras.
Hier kommen die ersten warmen Tage und sofort ist, ohne Frage,
alles schöner, alles macht gleich viel mehr Spaß.
Hier kommen die ersten warmen Tage, wenn man schon draußen
sitzen kann.
Hier kommen die ersten warmen Tage bei stabiler Wetterlage, also
nix wie raus - der Sommer fängt bald an!
Und das tut gut, das tut so gut, das ist so gut wie Schokolade und
eiskalte Limonade, das tut so gut, das tut so gut, die reinste
Glückshormonparade! Drinn'n zu hocken, wär' jetzt schade... das
tut gut... das tut so gut...“
(Wise Guys 2008)
Ein Tagtraum, denke ich, aber ein schöner! Erinnern Sie sich an das Gefühl der ersten Tage, wo die Luft wärmer wird, einen irgendwie Energie durchströmt und man raus will? Und: Können sie sich schon einmal einfühlen in die ersten warmen Tage die kommen – in den Frühling, in die Zeit, wo alles aus dem Tiefschlaf erwacht – die inneren Bremsen wundersam gelöst sind und man beim Öffnen des Fensters einfach Freude einlässt? Selbst wenn draußen gerade alles grau in grau sein sollte – Nebel und sieben Grad? Vielleicht kommen sie dadurch ja auch ein wenig ins Schwärmen und stellen sich schon einmal vor, wie sie die kurzen Hosen und die Sonnenbrille aus der Schublade holen und sich auf einen sonnendurchfluteten freien Nachmittag freuen, der einfach rund ist.
So ähnlich ist christlicher Glaube übrigens auch. Er freut sich daran, dass Gottes Wirklichkeit, die kommt, uns Gutes in unsere Welt bringen wird. Mir wird das immer wichtiger, je mehr ich auch über die Zeitungen wahrnehme, was in unserer Welt alles besorgniserregend und bedrängend ist. Gott schenkt mir neues Vertrauen und Vorfreude. Dabei muss ich die grauen und dunklen Seiten der Welt nicht verdrängen. Aber sie werden mit Hoffnung durchsetzt – wie ein grauer Wintertag mit Vorfreude auf die ersten warmen Tage im Jahr. Da kann man schon mal zur unpassenden Zeit ganz andere Gefühle bekommen oder sogar aus Glauben etwas ganz Merkwürdiges tun.
Davon erzählt z.B. eine kleine Geschichte aus Amerika, aus einer Gegend, in der eine besonders schwe-re und langanhaltende Dürre herrschte. „Die Wasservorräte schwanden. Die Tiere verdursteten. Die Bauern befürchteten eine schwere Missernte, denn die Pflanzen auf den Feldern vertrockneten. Weil aber die Einwohner des Landstrichs fromme Menschen waren, luden sie zu einem Gottesdienst ein. Von weither strömten die frommen Menschen zusammen, um für Regen zu beten. Ein Junge, der ebenfalls zur Kirche ging, fiel den Gottesdienstbesuchern auf. Als einziger hatte er einen Schirm dabei. Auf die erstaunten Fragen hin, antwortete er: “Wir beten doch um Regen.”
Na bitte, denke ich. Vielleicht können wir ja auch schon etwas vorgreifen. Und wenn wir uns schon vor dem Frühling schon einmal Badehose und Sonnenbrille zurecht legen, so auch mit unserem Glauben uns schon einmal vorbereiten auf eine Wirklichkeit, in der Versöhnung, Gerechtigkeit und Hoffnung herr-schen. Dafür schonmal loszugehen, und jemandem versöhnend die Hand reichen, Hoffnung zu machen, oder Wahrheit ehrlich anzusprechen: das kann genauso absurd sein, wie an einem grauen Tag im März die Schwimmflügel aus dem Keller zu holen, oder durch die Wohnung zu tanzen. Aber das Leben verändert sich dadurch doch. Selbst für eine Zeit, in der wir als Passionszeit als Christen die schweren Zeiten Jesu erinnern, können wir doch auch darin doch etwas anderes erleben: dass selbst schwerste Zeiten bei Gott schon durchsetzt oder vermengt sind mit Hoffnungszeichen der kommenden Zeit. Jesus hat das mal in einem Gleichnis so beschrieben:
„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und a wird ein Baum, so daß die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen. Und noch ein Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchgezogen war.“
In diesem Sinne: Ihnen allen eine gesegnete Passionszeit und einen belebenden Frühlingsanfang (zumindest schon einmal im Herzen)
Ihr Pastor Stefan Thäsler
Weihnachten kommt -
lasst uns Bilder sammeln
(aus der Besinnung im Kirchenfenster - Dezember 2010
Pastor Stefan Thäsler)
Liebe Gemeinde,
unsere Kinder sammeln Bilder, verschiedene Bilder, und ich weiß noch, wie ich selbst als Kind solche Bildchen gesammelt habe – von Fußballspielern z.B. Es gibt sie auch von Tieren oder von Popstars oder kleinen bunten Monstern. Sammelbilder werden getauscht, sie erzeugen Aufregung, wenn man die Tüte öffnet. Sie haben einen Sammlerwert, der den Papierwert um ein vielfaches übersteigt. Sie leben auch von der persönlichen Beziehung zu einem besonderen Bild. Das gab es schon vor vielen Jahren – in Deutschland vermutet man den Beginn der Sammelbilder in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Auch wenn wir mit Wehmut an die Kindertage zurückdenken, als wir selbst Bildchen sammelten und tauschten, und das Richtige uns richtig glücklich machen konnte: dieses Sammeln ist oft genug selbst ein Bild für unsere Entwicklung als Mensch. Wir entwickeln uns, sammeln Erfahrungen, haben Bilder im Kopf, die wir sehr mögen und Bilder, die wir gern vergessen würden – Szenen, Begegnungen, manche einmalig und mit der Zeit vergilbt, manche Bilder haben wir auch sehr oft und sie sind dann nicht so wertvoll. Manches gefällt uns auch nicht und wir kleben es in das Album unseres Lebens nie ein.
Zu den Bildern, die wir mit uns herumtragen, gehören auch die Bilder von anderen Menschen (in der Kindheit besonders die der Eltern, der Geschwister, der sonstigen Familie, vielleicht noch der besten Freunde – und von mir selbst). Auch ein Bild von Gott trage ich mit mir herum, kein gedrucktes, sondern eines im Herzen. Das ist bei Erwachsenen oft symbolisch (Fels auf dem ich stehe – Licht – Sonne – Burg – Weg). Hier hat oft das Durchdringen von eigenen Erfahrungen dazu geführt, dass jemand eine Rede für Gott für stimmig gefunden und für sich angenommen hat.
Viel plastischer und unmittelbarer sind demgegenüber die Bilder, die sich Kinder von Gott machen. Lässt man Kinder Bilder von Gott malen, so sind diese oft sehr menschlich. Die Züge, die diese Bilder tragen, machen immer Sinn. So steht der Bart für Gottes Alter (wenn er die Welt erschaffen hat, muss er sehr alt sein) und seine Weisheit (...dann muss er auch sehr klug sein). Oft ist Gott größer dargestellt und sehr stark mit besonderen Muskeln („Er hält die ganze Welt in seiner Hand...“). Manchmal hat er Flügel, oft berührt er die Erde. Oft spielen auch seine Hände eine besondere Rolle, mit denen er etwas tut. Wofür bräuchte es auch sonst einen Gott, wenn er nichts täte.
Diese außerordentlich spannenden Bilder von Gott verändern sich im Laufe der Kindheit. Die mensch-lichen Züge in den Bildern nehmen ab – die symbolischen (Weg, Licht...) nehmen zu. Manche Konfir-mandInnen malen Gott aber auch bleibend in menschlichen Bildern, sagen dann aber dazu, dass sie an diesen Gott nicht mehr glauben. Außerdem mischen sich die Vorstellungen mit zunehmendem Alter auch mit Bildern aus nichtchristlichen Philosophien und Religionen. So wird zum Beispiel ein Gott gemalt, der die Welt vor Urzeiten geschaffen hat, aber heute nicht mehr an ihr interessiert ist, oder ein Gott, der in den Blumen und Tieren genauso erfahrbar wäre wie im Stein oder im Kreuz – überall gleich eben. So beantworten wir mit den gesammelten Bildern auch Lebensfragen (Wo ist Gott oder warum hilft er mir nicht?).
Die Frage, die sich bei allen Bildern nun stellt, ist: Sollte man das Denken von Gott in Bildern nicht gleich lassen. „Ich erkläre meinen Kindern von Anfang an, dass man Gott nicht sehen kann, denn er ist ja ganz anders als wir Menschen.“ sagte mir mal eine Mutter bei einem Vortrag über Gottesbilder von Kindern. Ob sie damit ihrem Kind einen Gefallen tut? Immerhin können Kinder nicht anders, als bildlich zu denken. Und wir? Können wir Erwachsene es anders? Können wir Gott anreden, ihn DU nennen, wenn wir nur abstrakt von ihm denken – distanziert und „nur“ als Kraft oder höhere Macht?
Mir scheint, dass wir als Erwachsene nicht in erster Linie das Denken in Bildern lassen sollten, sondern uns klarmachen sollten, wie Bilder wirken und dass sie Gutes tun können, wenn wir sie nicht mißbrauchen. Hierzu hilft schon ein Blick in die Bibel beim Bilderverbot in den zehn Geboten. Die beginnen in 2.Mose 20 so:
„Und Gott redete alle diese Worte: 2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. 3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. 4 Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Gleichnis, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“
Gott erinnert in diesem alte Wort daran, dass er die Menschen aus der Knechtschaft geführt hat. Deshalb sollen sie auch keine Bilder anbeten - weder die Bilder, die wir uns von unseren Mitmenschen machen (auf der Erde...) noch Bilder, die unseren Glauben an Gott ausdrücken (im Himmel...). Das richtet gegen jedes Verabsolutieren, von Stars, von unserer Traumfrau oder dem Traummann, von uns selbst, von Gott. Solche zementierten Bilder lassen keinen Raum für Beziehungen.
In Wirklichkeit können Bilder ein Geschenk sein, wenn wir mit ihnen in Beziehung treten, ohne sie zu vergöttern. Wenn wir den Bildern ihre Lebendigkeit lassen – bereit sind, mit ihnen zu leben. Dazu laden uns übrigens auch die Sammelbildchen ein, die unsere Kirchengemeinde schon seit vielen Jahren an Heilig Abend den Gottesdienstbesuchern schenkt. Manche nehmen sie mit in die Feiertage. Manche sammeln sie und heben die Bilder über die Jahre auf. Manche lassen sie in der Kirche liegen. Die Weihnachtsszene und Weihnachten überhaupt ist eines der am meisten gemalten Motive der Welt. „Wir sollen uns einbilden“ hat Luther zu solchen Bildern mal gesagt – also uns selbst in diesen Szenen vorstellen und hineindenken – an der Krippe, an dem Wunder, an dem Licht, unter dem Stern. Wir sind Teil dieser Geschichte, die mit dem Advent wieder neu beginnt. Das wünsche ich Ihnen zum Schluss – und wenn sie auch zu den Sammlern unserer kirchlichen Weihnachtsbildchen gehören, melden Sie sich doch mal im Pfarramt mit ihrer Sammlung. Ich bin gespannt auf die ältesten Bilder und die Geschichten dazu und grüße Sie herzlich, Ihr Stefan Thäsler
Von der Love-Parade-Trauer, einem holländischen Fußball-Gottesdienst
und einer alten Frage
(Aus der Besinnung im Kirchenfenster Nr. 9/2010
Pastor Stefan Thäsler )
Liebe Leser,
was war nicht alles los im Sommer; erinnern Sie sich noch: Tag eins nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg: viele Menschen sind zum Unglücksort gekommen. Viele können nicht fassen, was passiert ist. Sie haben Kerzen und Blumen niedergelegt. Manche sind einfach in Gedanken, andere lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Auch das Fernsehen ist da. Reporter aus aller Welt sind mit ihren Objektiven hautnah bei den Tränen. In den Heute-Nachrichten beschreibt dann eine Reporterin, wie einander wildfremde Menschen auf einmal das „Vaterunser“ gebetet hätten – ein sehr ergreifender Moment von Heiligkeit mitten auf diesem Platz - von selbst entstanden. Tage später wird auf der Trauerfeier für die Opfer dazu aufgerufen, den einzelnen Menschen und sein Wohl wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Auch hier richten sich die Kameras immer wieder auf die Trauernden – Zoomobjektive kennen scheinbar keine Scham.
Szenenwechsel: Es war der Tag des WM-Endspiels in Südafrika – Spanien gegen Holland. Fußball ist ja schon immer auch etwas gewe-sen, das religiös aufgeladen wurde – umso mehr in Afrika, wo auch schon mal geköpfte Hühner am Spielfeldrand für magischen Erfolg sorgen sollen. An diesem Tag machte sich auch ein holländischer katholischer Priester auf, seine Sonntagsmesse in eine Fußballmesse zu verwandeln. Auf dem Altar stand ein Tor. Die ganze Kirche war übervoll mit orangen Fahnen und Wimpeln. Die Heilige Messe begann mit einem Pfiff und einem Anstoß (mit Ball), das Schuldbekenntnis ging über einen Schiedsrichter und das Evangelium wurde durch eine Ode auf das „Oran-jegefühl“ ersetzt. Schließlich hielt der Priester einen im Mittelgang geschossenen Ball als Torwart. Die Kirche war bis zum Rand gefüllt (auch von Presse). Hinterher wird der ver-antwortlichen junge Priester vom Volk gelobt und vom Bischof für begrenzte Zeit zum Nachdenken aus dem Verkehr gezogen. Nebenbei bemerkt hat die Messe, weder zu einem fairen Spiel der Holländer noch zu einem Sieg im Endspiel geführt. Christliche Gottesdienste taugen vielleicht doch nicht zur Magie...
Liebe Gemeinde: Was passt noch zu unseren „heiligen Glaubensquellen“, und was geht zu weit? Wie modern soll Kirche sein? Wieviel Heiligkeit und wieviel Freiheit ist richtig? Auch als Fußballfan frage ich mich schon, ob wohl ein Mensch aus Duisburg einige Wochen nach dem Unglück in dem Fußball-Gottesdienst Trost gefunden hätte? Ob wohl ein Nachdenklicher in einem solchen Gottesdienst Antworten gefunden hätte? Hätte jemand, der wirklich Schuld auf sich geladen hat, durch den Pfiff eines Schiedsrichters wirklich Entlastung gespürt? Hätte ein Ehepaar, das in der Krise steckt, beim Abendmahl Kräftigung erfahren, wenn nebenbei „Viva Colonia“ gesungen wird? Fröhlichkeit brau-chen wir sicherlich manchmal mehr - das schreibe ich mir gern ins Tagebuch – und Nähe zu den Themen des Alltags genauso wie moderne Formen und Musik – natürlich! Aber bitte nicht auf Kosten dessen, was Christen lebenswichtig brauchen. Das geht in modern und in traditionell und auch in Würde. Es kann berücksichtigen, dass unsere Gottes-dienstbesucher immer eine gemischte Gemeinde sind. Darum z.B. bitte ich Fotografen z.B. bei feierlichen Gottesdiensten mit Fotograf unter anderem immer, im Gottesdienst nicht in die Gemeinde zu fotografieren. Jeder hat das Recht, in die Kirche so zu kom-men, wie er oder sie sich fühlt. Hier darf auch mal geklatscht werden und hier dürfen auch Tränen fließen – aber vor allem letzteres geht nur, wenn ich als Gottesdienst-besucher vor Objektiven sicher bin.
Das Problem des modernen Gottesdienstes ist nicht, dass uns Evan-gelischen alle mögli-chen Ketten angelegt werden, was die Freiheit des Gottesdienstes angeht- eher im Gegenteil. Die Frage ist, ob die Formen eine Brücke schlagen können zwischen unseren Glaubens-quellen und den wirklichen Lebensfragen – außerdem, ob die Brücken von den Menschen gewünscht sind. Werden die modernen Dinge zum Selbstzweck und zur Unterhaltung, dann wird ein Gottes-dienst zum Event. (Das merkt man auch daran, dass es den „Trauergottesdienst“ (wie absurd?) für das verlorene Endspiel in Holland nicht mehr gege-ben hat. Ich war auch traurig, als Deutschland ausgeschieden ist, aber ich weiß dann doch Trauer und Trauer zu unterscheiden.) Der natürlich von aller Presse verurteilte „böse Bischof“ in Holland hat übrigens selbst Gottesdienste mit dem Thema Fußball gehalten, und schon bei vielen Sportveranstaltungen mitgewirkt. Aber: Torwandschießen passt wohl doch besser vor das Gemeindehaus. Oder für Wathlingen gesprochen: wenn ich als fußballbegeisterter Pastor die Fußballschuhe anziehen soll, lasse ich mich gern einladen... auf den Fußballplatz...
Und für die Gottesdienste bleiben genügend Möglichkeiten und For-men, die Nähe zum Leben zu zeigen. Ich meine, wer in den letzten Jahren z.B. mal eine Konfirmation in Wathlingen erlebt hat, weiss, was ich meine. Manch neues Leben hat Einzug gehalten und wir sind auf dem Weg - noch nicht am Ziel. Freie Gemeinden zeigen darüber hinaus längst, dass auch z.B. Theater und Pantomime in Gottes-dienste passen und sich altes vielfältig mit neuem verbinden läßt. Ähnliche Gestaltungsmöglichkeiten bietet außerdem unser neuer „Aufatmen-Abendgottesdienst“ um 17 Uhr und ich glaube, der ist viel besser, als einer, mit Fußballtor auf dem Altar. Aber erleben Sie das doch selbst!
Ein letzter Szenenwechsel: Jesus spricht zu seinen Jüngern. Sie wollen die Kinder vertreiben, damit er die Erwachsenen in Ruhe lehren kann. Er sagt ihnen das berühmte Wort: „Wer das Himmelreich nicht empfängt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ Mit diesem Satz hat er nicht nur Kinder als Vorbilder im Glauben hingestellt. Er hat auch etwas über das Himmelreich selbst gesagt: „Das Himmelreich ist selbst wie ein Kind – offen für andere, verletzlich, einfach und nicht so kompliziert wie die Erwachsenen. Es braucht Pflege, Respekt, Sorge, auch Zärtlichkeit. Gehen wir also achtsam mit diesem Himmelreich um und mit der Veranstaltung, in der wir das Himmelreich feiern – unserem Gottesdienst. Den entwickeln wir weiter und bleiben hof-fentlich im Gespräch, damit wir pflegen und feiern, was uns heilig ist.
Von Leitbildern und Mottos einer
Kirchengemeinde
(aus der Besinnung im Kirchenfenster - Sommer 2010
Pastor Stefan Thäsler)
Der Sommer kommt, das Jahr schreitet voran, und St. Marien veröffentlicht seine neue Internet-Seite, neu-deutsch Homepage genannt. Unter www.kirchenfenster-wathlingen.de finden Sie viel Informatives und Interessantes rund um unsere Gemeinde. Rund ein Jahr lang wurde an dieser Seite im Internet geschrieben, gebastelt und nachgedacht. Und es wurde überlegt, wie sich die Gemeinde eigentlich darstellen will – nicht nur von den Farben, Formen und den Inhalten her. Wie wollen wir uns darstellen? Wie sehen wir uns? Und: wie stellt sich die Gemeinde so dar, dass es Ihr Interesse als Gemeindeglied, als Leser, als Interessierte auch trifft?
Die Frage scheint auf den ersten Blick hin eine rein werbetechnische zu sein: Wie stelle ich unsere Kirchengemeinde so dar, dass alle sie toll finden? Die Menschen sind es ja gewohnt, dass Werbung bunt ist und manche Verpackung größer als der Inhalt.
In Wirklichkeit greift die Frage aber viel tiefer. Wenn man einmal damit beginnt, Artikel zu schreiben – über St. Marien, die Geschichte, Grup-pen und Kreise und vor allem viele engagierte Menschen, dann merkt man: Wünsche und Hoffnungen fließen mit ein. Die eigene Sicht, die ja immer subjektiv ist, mischt sich mit Bildern, wie einige es schon erleben und wie alles mal noch weiter entwickelt sein soll.
Ein Beispiel gefällig? Im Moment begrüßt Sie auf unserer Titelseite (englisch Home) eine Bildkollage mit Bildern aus dem Gemeindeleben. In der Mitte steht ein Slogan (neudeutsch), ein Motto. Es lautet: „Willkommen mitten im Leben!“. Dieser Slogan hat nicht nur etwas Beschreibendes. Er sagt nicht nur etwas, was in den letzten Jahren in der Kirche wichtiger geworden ist: das „Willkommen-Heißen“ - das Offensein – das Begrüßen und Wertschätzen von Menschen bei uns. Er sagt auch ein Motto, einen Wunsch, eine Hoffnung, ein Ziel. Wir wissen nämlich, dass bei vielen Menschen das Willkommensein nicht das erste Gefühl ist, wenn sie an Kirche denken. Kommt man mit Menschen inoffiziell ins Gespräch, werden oft auch andere Erfahrungen berichtet: von verschlossenen Türen oder vom Übersehen der anderen Menschen z.B.. Das ist grundsätzlich kein rein kirchliches Problem. Auch Vereine beispielsweise haben immer neu die Aufgabe, nicht zu geschlossenen Kreisen zu werden, sondern offen für Menschen und neue Impulse zu bleiben.
Da kann ein Motto zur Orientierung helfen – oder ein Bild: Zum Beispiel hat der diesjährige Kirchentag, dem ökumenischen Treffen von Christen in München mit über 100.000 Teilnehmern, auf seinen Postern Bilder von Menschen, die über Wasser gehen: ein junges Paar, eine alte Frau. Im Christsein erleben Menschen, dass sie zu neuen Ufern aufbrechen, anderen begegnen, Erfah-rungen mit Christus machen (der ja damals selbst über das Meer gegangen sein soll). Bilder erhalten uns den Grund des Glaubens und unser bleibendes Ziel.
So ähnlich kann auch ein Motto sein. Ein gutes Motto steht immer an der Schwelle zwischen dem, was ist und dem, was werden soll und was man glaubt - weist über sich hinaus – fast wie Gottes Wort.
Willkommen „mitten im Leben“ steht im Moment auf unserer Homepage. Mitten im Leben heißt „lebensnah“ und bei den Themen der Menschen, heißt lebendig, heißt auch dynamisch und sich weiter entwickelnd.
So wünsche ich mir Kirche, auch wenn genau das wieder ein Punkt ist, der für viele Menschen heute nicht mehr mit Kirche verbunden ist. Ich erlebe das so und möchte Kirche so mit Menschen weiterentwickeln: dass sie das Leben mit all seinen Facetten spiegelt und das Leben, das Gott uns schenkt. „Willkommen mitten im Leben.“ sind wir alle, in dem Leben, das Gott uns schenkt und nach dem wir uns im Gemeindeleben, im Gottesdienst, in den Gruppen und im Engagement ausstrecken. Wir erleben das, und das Schöne daran ist, dass es mit Alten und Jungen, mit konservativ und modern, mit Traurig-keit und Glück verbindbar ist. Darüber freue ich mich, genauso, wie über unsere neue Homepage.
Ein paar der von mir durchgekauten und (zum Teil bei anderen Gemeinden geklauten) Slogans haben wir in diesem Artikel übrigens einmal abgedruckt. Wenn Sie mögen, geben Sie uns doch eine Rückmeldung – persön-lich oder zum Beispiel per E-Mail. Ich bin gespannt, wie sie bei Ihnen ankommen – als Beschreibung dessen, was ist und auch als schönes Ziel für unsere Gemeinde. Denn: ein Motto, das von allen getragen wird, hat unsere Gemeinde noch nicht. Genauso hat übrigens auch die Bibel viele Bilder und Hoffnungen für Gemeinde. Stellen wir die doch auch immer wieder in den Mittelpunkt, z.B. die Hoffnung von Pfingsten: Wie hieß es da: „Es wohnten aber in Jerusalem gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ Menschen unterschiedlicher Sprachen (hier sind nicht nur Männer und Frauen oder Wathlinger und Nienhäger gemeint...) verstehen einander durch den Glauben. Danach sollten wir uns ausstrecken. Wenn Gott uns schon einmal versteht, dann können wir auch versuchen, einander zu verstehen. Dann sind wir online im besten Sinne und werden uns gemeinsam weiterentwickeln – ob mit oder ohne Slogan.
Mit den Scherben achtsam umgehen – Betrachtung zur Passionszeit
(aus der "Besinnung" im Kirchenfenster, Frühjahr 2010
Pastor Stefan Thäsler)
Kennen Sie das auch: Scherben können ganz unterschiedlich sein. Da ist das Glas, das in der Küche zerspringt und in kleinste Teilchen zerspringt. Da ist der Blumentopf, der sich beim unsicheren Absetzten einen Riss zuzieht und sich dann vorsichtig in drei große Teile zerlegen lässt. Da gibt es das versehentliche Zerbrechen von etwas Kostbarem oder das entschlossene Zerstören („da fliegen die Fetzen bzw. die Teller..“). Es gibt das bewusste Herstellen von Bruchstücken, zum Beispiel beim Herstellen eines Mosaiks. Es gibt das Finden und Bewahren einzelner Unglücksstücke – z.B. nach einem schmerzlichen Moment – um etwas Einmaliges zu erinnern.
So wie es mit den Scherben ist, die ja angeblich von selbst Glück bringen (was ich für Unsinn halte) ist es auch mit der Passionszeit. Sie schenkt es uns, einmal pro Woche z.B. im Gottesdienst eine Scherbe aus Jesu Leben zu finden und das Schmerzliche und das Schöne daran zu betrachten. Für manche Menschen ist sie ja nur eine deprimierende Zeit in der Kirche, die man meiden sollte - schade. Denn diese Zeit lehrt uns, mit unseren eigenen Scherben achtsamer umzugehen. Klar: verletzlich sein ist nicht „in“. Wer zerbrechlich wirkt, gilt als nicht belastbar – mit dem kann man scheinbar nicht durch dick und dünn gehen. Wer Zerbrochenes mit sich herumträgt, wird leicht verurteilt oder verurteilt sich selbst: „Wie konnte ich es nur... die Vase fallen lassen...“.
Aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen: Manchmal sind Menschen, die Erfahrung mit zerbrechen-dem Leben gemacht haben, einfühlsamer als andere? Ähnlich wirken auf mich die Texte und Lieder der Passionszeit. Sie können uns zu Menschen machen, die Scherben achten – Kantiges und auch nicht Passendes betrachten und das Schmerzliche und Scharfkantige am eigenen Leben sehen können. Manche Scherbe kann in Gottes Augen ein neuer Teil eines kostbaren Ganzen werden. Der Blick des Glaubens lässt mich in jedem verlorenen Bruchstück Gottes ganze Liebe entdecken, weil es zu einem geliebten Menschen gehört. Das zu glauben ist sicher nicht einfach, aber das In-die-Hand-Nehmen einer Scherbe meines Lebens hilft mir, damit zu beginnen. Ich halte sie in Gedanken Gott immer wieder hin und bitte ihn, etwas Neues damit zu tun. Dann wird mein Leben wie ein Mosaik. Gerade die Berichte und Lieder der Leidenszeit Jesu erinnern mich daran, dass das mit Christus möglich ist! Ständig ist er Menschen begegnet, die vor den Scherben des eigenen Lebens standen, Blinde, Hoffnungslose, nach Außen sehr erfolgreiche oder kirchentreue Leute. Stets ist er mit solchen Menschen sehr achtsam umgegangen und hat ihnen Heil zukommen lassen - selbst dann noch, als er selbst schon vor den Scherben seines ersten Lebensweges stand. Sicherlich auch gerade, weil Gott aus den Scherben seines Lebens etwas gemacht hat. Die Menschen sind ihm deshalb gefolgt, und die Frage: „Willst du gesund werden“ hat er dabei oft gestellt. Auch eine Frage für uns? Sind wir bereit, Gott auch dort zu lieben, wo wir nicht von einer Welle von Erfolg oder Gefühl getragen werden; dort, wo wir Gott nicht mehr mit uns selbst oder dem eigenen Lebensdrang verwechseln können? Gerade dort (hat Karl Rahner mal gesagt) können wir den heiligen Geist erfahren. Scherben bringen Glück, wenn ich sie Christus hinhalte – ja das glaube ich. „Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“ heißt es in der Bibel im Psalm 147,3. Möge Sie deshalb Gottes Segen begleiten – durch die Passionszeit und eigene Kreuzwege bis hin zur Geschichte des Sieges Christi an Ostern. Dort gibt es eine Lebenskraft und eine Hoffnung, die es leicht macht, Scherben neu in die Hand zu nehmen – und neu zu achten, weil ER es auch tut.