Stefan Thäsler

Tschüss mit Rückblick auf fast 13 Jahre

 

 

Liebe Gemeindeglieder aus St. Marien, liebe Wathlinger,

wenn Sie diese Zeilen lesen, haben wir Thäslers inzwischen zuhause begonnen, Umzugskisten zu füllen und uns auf einen Wechsel vorzubereiten, der immer konkreter wird. Wie Sie sicher gelesen oder gehört haben, habe ich im Juni unserem Kirchenvorstand mitgeteilt, dass ich als Pastor und wir als Familie einen Wechsel vollziehen und einen neuen Lebensschritt angehen werden. Das haben wir uns lange überlegt.

Als wir vor fast 13 Jahren das letzte Mal Kartons packten um von Wietze nach Wathlingen zu ziehen, war uns klar, dass wir in Wathlingen länger bleiben wollten. So kam es dann auch. Wir haben viele Dinge mit den Menschen in Wathlingen gemeinsam erlebt. Im November 2007 ins Pfarrhaus eingezogen weiß ich noch, dass ich durch all die Seelsorge gleich in den ersten Wochen noch an Weihnachten desselben Jahres im Gottesdienst das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Dafür war und bin ich dankbar und so wurden es für uns sehr intensive Jahre mit vielen kostbaren Begegnungen. „Es lebt sich gut in Wathlingen und St. Marien“ war über viele Jahre der erste Spruch auf meiner Unterseite auf der Homepage der Wathlinger Kirchengemeinde. Ich habe viele Menschen kennenlernen dürfen, an einmaligen Stationen ihres Lebens wie Taufen oder Trauungen z.B., habe gemeinsam mit Andrea Brichta unzählige Jugendliche begleiten können und habe weit über 500 Familien durch Abschied und Beerdigung begleitet. In diesen Jahren ist in Zusammenarbeit mit vielen Menschen hier ein Gemeindefest entstanden, ein Foyer gebaut, ein Krippenspiel auf dem Bauernhof erdacht und ein Aufatmen-Abendgottesdienst mit Band etabliert worden. Und all diese Neuerungen stehen nicht auf einer Leistungsliste eines Pastoren sondern sind das Ergebnis von Teamarbeit. Nichts von dem hätte durch eine Person auf die Beine gestellt werden können.

Gleichzeitig ist all das in einer atemberaubenden Umbruchsituation unserer Kirche geschehen. Während unsere Kirchengemeinde in diesen Jahren 900 Gemeindeglieder durch Wegzug, Tod und Austritt verloren hat, haben viele Menschen hier versucht, für die Gemeinde und für Gott einen Teil zum Puzzle beizutragen und Kirche immer wieder neu mit Leben zu füllen. In den Anfängen bis 2007 Pastor Williges und Pastorin Voss, auch durch Pastor Dr. Schmitzdorff und Pastor Sturm, die hier regelmäßig Gottesdienste hielten und Vikar Relius, den jungen Mann mit Zopf und Spitzbart, der hier zum Pastor ausgebildet wurde und bekennender Metalfan ist. Prädikant Lucht ist seit vielen Jahren ein treuer Begleiter in unseren Gottesdiensten Und unsere Diakonin Andrea Brichta, der ich für die großartige Zusammenarbeit im Pfarramt nicht genug danken kann, war die ganze Zeit dabei. Genauso haben andere im Hintergrund mitgeholfen, Menschen, die nicht vorn „auf der Bühne“ stehen müssen, von denen keiner redet, aber ohne die vieles auch nicht möglich gewesen wäre.

Nun wird Pastor Thäsler ab Ende September in Wathlingen in diesem Gemeindeteam nicht mehr dabei sein. Für alles Lob und alles konstruktive Miteinander danke ich, auch für alle Kritik, wenn sie weiterhelfen wollte, Kirche zu gestalten und genauso die anderen zu sehen, die mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auch dazu gehören. Für das, was ich nicht gut gemacht habe, hoffe ich, dass jemand anderes es besser machen möge.

Wenn ich vorausblicke sehe ich in eine Zukunft, in der ich ab Oktober auch als Therapeut arbeiten werde. Es war mein Wunsch, einmal für einige Zeit aus dem Verantwortlichsein für fast alles herauszukommen, was über die Jahre viel Kraft gekostet und die eigenen Akkus oftmals auch überlastet hat. Diese Last, die auch Menschen an vielen anderen Stellen des Berufslebens und des Ehrenamtes kennen, wird in den nächsten Jahren immer mehr Thema sein, denn wo man etwas mit Herz macht, verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Ehrenamt. Es geht immer über das Normale hinaus und greift oft tief in das Privatleben ein. Ich denke da an viele Menschen, z.B. die großartigen Ortsbrandmeister, die in meiner Zeit hier tätig waren/sind, die Vorsitzenden von Vereinen, Bürgermeister oder Schulleiter, Pflegedienstleiter und und und. Ich denke an alle, die sich in Vorständen engagieren und von denen immer einige an den Grenzen der Belastbarkeit sind – sei es in Kirchen- oder Vereinsvorständen. Mit Sorge habe ich zwischenzeitlich auf meine eigene Gesundheit und die meiner Familie geschaut. Mit Sorge sehe ich auch darauf, dass manche dieser Posten, z.B. im Vorsitz von Sportvereinen oder in der Kirche, zunehmend schwerer zu besetzen sind. Da sitzen viele gesellschaftliche Gruppen letztlich in einem Boot und haben ähnliche Probleme. Ein Verein funktioniert nur durch viele Menschen, die mit anfassen und eine Kirche eben auch. Da kann jede/r etwas dafür tun, dass der Blick auf das Eigentliche, das Kostbare und Besondere in seiner Gemeinschaft erhalten bleibt und jede/r kann etwas dafür tun, dass die Engagierten auch Unterstützung und Wertschätzung erfahren. Das darf und muss besonders auch für die Ehrenamtlichen noch mehr werden.

Ich wünsche unserer Kirchengemeinde, dass der Neuanfang im Pfarramt und die riesige Chance durch das Küsterhausprojekt nach der Zwischenzeit Rückenwind gibt. Ich wünsche Ihr, dass sie und die Menschen hier im Dorf alte Schwierigkeiten endlich hinter sich lassen können und neues Ergreifen möglich wird, ohne immer gleich zu sagen, was früher vielleicht mal schlecht oder alles besser war. Die Zukunft wird in der Kirche noch ganz andere Dinge hervorbringen, als im Moment im Blick sind.

Ja, die Veränderungen in der Kirche werden noch viel gravierender als das, was wir im Moment erahnen. Kirche wird kleiner werden und weniger tun können. Warum aber sollte sie nicht gleichzeitig authentischer und hoffnungsvoller werden. Gut gestalten wird der Kirchenvorstand und mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin allerdings das Ganze nur mit Ihnen allen gemeinsam können: als Gemeinschaft von Kirche hier im Ort. Kirche in Zukunft wird nicht mehr nur Kirche für die Menschen sondern nur als Kirche mit den Menschen funktionieren – als Miteinander. Kirche war nie gedacht als eine Gemeinschaft, in der einige alles für die vielen tun. Kirche war im Ursprung immer eine Gemeinschaft, in der alle eine Aufgabe haben, und die kleinste und wichtigste kann jeder für sich zuhause tun: beten für das Ganze. In dieser Aufgabe und in dieser Kraftquelle unterscheiden wir uns von anderen Gruppen, weil wir glauben, dass Gott unseren Weg begleitet und gute Wege zeigen kann.

Für die Zukunft in der Wathlinger Kirchengemeinde und auch für den je ganz eigenen Lebensweg wünsche ich allen Menschen hier am Ort Gottes Segen. Und wenn ich dann mal wieder mit dem Motorrad durch Wathlingen knattere, einmal für einen Gottesdienst als Gastprediger wiederkomme oder wieder mal beim Wathlinger Tennisverein den Schläger in die Hand nehme, dann freue ich mich auf ein fröhliches Wiedersehen. Bleiben Sie und bleibt Ihr behütet! Tschüss!

 

Stefan Thäsler

 

 

 

Chronik der Wathlinger Pastoren seit 1567

 

seit Oktober 2020 - Vakanzvertretung durch Pastor Carsten Junge

2007 - 2020 - Stefan Thäsler

1999 - 2007 - Gerhard Williges

1975 - 1998 - Wolfgang Bartram

1965 - 1973 - Claus Nutzhorn

1949 - 1963 - Johannes Conrad

1946 - 1949 - Friedrich Rink

1945 - 1946 - Wilhelm Döring

1941 - 1945 - Vakanzvertretung durch Pastor Heinrich Gellermann (Bröckel)

1938 - 1941 - Rudolf Otto Bölsing (vermisst in Stalingrad)

1909 - 1938 - August Friedrich Julius Freyenhagen von Rosenstern

1905 - 1909 - Ernst Hermann Friedrich Adolf Rohde  (vermutlich Sohn des Vorherigen)

1883 - 1905 - Wilhelm Adolf Rohde

1842 - 1883 - Johann Julius Adolf Lyßmann

1831 - 1842 - Johann Philipp Hartwig Grußenberg

1829 - 1830 - Christoph Wilhelm Heinrich Brauns

1808 - 1828 - Johann Bernhard Ludwig Petrosilius (vermutlich Sohn des Vorherigen)

1804 - 1808 - Karl Gottlieb Franke

1786 - 1803 - Johann Bernhard Christian Petrosilius

1731 - 1785 - Johann Just Franke

1699 - 1730 - Georg Christian Cordes

1679 - 1699 - Michael Zimmermann

1672 - 1679 - Friedrich Behnen

1641 - 1672 - Johann Behnen

1611 - 1641 - Johannes Hering (vermutlich Sohn des Vorherigen)

um 1567 - 1611 - Johannes Hering

Quellen

-"Die Pastoren der Landeskirchen Hannovers und Schaumburg-Lippes seit

  der Reformation", bearb. von Philipp Meyer, Göttingen, 1941 - 1942

-Heinrich Pröve, Wathlingen – Geschichte eines niedersächsischen Dorfes,  

  Band 1, Wathlingen 1925 (Nachdruck von 1985), S. 190 f.

-Jürgen Gedicke, Wathlingen. Geschichte eines niedersächsischen Dorfes, 

  Band 2, Celle 1987